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Der Schloßberg bei Wolfartsweier

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Der Schloßberg bei Wolfartsweier

Auf diesem Berg hat vor Zeiten eine Burg gestanden, wovon jetzt nur noch der Graben und einiges Gemäuer übrig ist. Darin haus'ten, als die Thalgegend umher noch Wasser war, Seeräuber, welche in der Folge Ritter wurden. Von der Burg ging übers Gebirge eine gute Fahrstraße nach dem Thurmberg bei Durlach, die heute noch der Kutschenweg heißt.

In dem Gewölbe unter dem Schloß liegt ein Schatz von Gold, Silber und Weißzeug, welchen ein Fräulein der Burg dorthin verborgen hat. Bis er gehoben ist, muß sie alle sieben Jahre, wann die Maiblumen blühen, als weiße Jungfrau erscheinen. Ihr rabenschwarzes, lockiges Haar ist gewöhnlich in zwei Zöpfe geflochten, die bis auf den Boden hängen, sie trägt um das weiße Gewand einen goldnen Gürtel, an der Seite oder in der einen Hand ein Gebund Schlüssel und in der andern einen Strauß Maiblumen. Am meisten zeigt sie sich unschuldigen Kindern, deren einem sie einst unten am Berge winkte, zu ihr zu kommen. Statt dieses zu thun, lief das Kind erschrocken nach Haus und erzählte, was ihm begegnet, worauf es gleich mit seinem Vater wieder hin gehen mußte, allein die Jungfrau nicht mehr antraf.

Wie schon manche andere, sahen einst Mittags auch die zwei kleinen Mädchen des Gänshirten das Fräulein herunter an den Bach kommen, sich daselbst Hände und Kopf waschen, ihre Haare kämmen und in Zöpfe flechten und dann wieder auf den Schloßberg gehen. Das Nämliche bemerkten sie am folgenden Mittag, und obgleich man ihnen zu Hause scharf eingeprägt hatte, die Jungfrau beim Wiedersehen anzureden, unterließen sie aus Zaghaftigkeit es dennoch. Am dritten Tag erblickten sie die Jungfrau nicht mehr, fanden aber auf einem Stein mitten im Bach eine frischgebratene Leberwurst, die ihnen besser schmeckte als je eine andere.

Als einmal andere Kinder der Jungfrau begegneten, sagte eines fragend zu ihr: »Maiblümlein rupfen?« erhielt aber keine Antwort.

Ein Bursch hörte die Jungfrau beim Hinabgehen ins Thal wunderschön singen, und zwei Männer aus Grünwettersbach sahen sie einen Kübel voll Wasser, den sie am Bach gefüllt hatte, den Berg hinauftragen. An dem Kübel waren zwei breite Reife von lauterm Golde.

Der Weg, welchen das Fräulein allemal hinunter und hinauf macht, war früher im Grase deutlich zu erkennen.

Einer Grünwettersbacher Frau hielt einst die Jungfrau ihr Gebund Schlüssel hin, damit sie es nehme; allein, statt dies zu thun, eilte dieselbe erschrocken davon.

Auf dem Weg zwischen dem Schloßberg und dem Bache hielt das Fräulein an drei Tagen einen Mann an und sagte ihm Folgendes. »Du bist zu meiner Erlösung geboren, und wenn du sie nicht vollbringst, so muß ich die Nuß zu dem Baum stecken, aus dem mit der Zeit eine neue Wiege für das Kind gemacht wird, welches erst wieder mir helfen kann. Komm in der Nacht zwischen elf und zwölf auf den Schloßberg, rücke die Kisten, die ich dir zeigen werde, ohne dich vor ihren Hütern zu fürchten, vom Platze und öffne sie: dann bin ich erlös't, und du hast den ganzen Schatz gewonnen, mußt aber nach sieben Jahren sterben.« Der Mann fand endlich zur bestimmten Zeit sich auf dem Berge ein und wurde von der Jungfrau zu den Kisten geführt, auf welchen Schlangen und andere scheußliche Thiere lagen. Diesen zu nahen, getraute er sich nicht, sondern ergriff die Flucht und entkam glücklich, obgleich ihm alles Gethier nachsetzte, mit Steinen nach ihm geworfen ward, und es krachte, als stürze der ganze Berg zusammen.

Nach Wolfartsweier kam einmal ein verfahrner Schüler und sagte aus, daß in dem Gewölbe des Schloßbergs sieben Kisten voll Geld lägen. Dieselben mit ihm herauszugraben, redete er den Leuten dringend zu, wobei er ihnen bemerkte, daß alle Knochen und Scherben, welche zum Vorschein kommen wür den, lauter Geld seien. Weil aber damals nur wenige und reiche Bauern im Orte waren, ließ keiner von ihnen sich mit dem Schüler ein, und der Schatz blieb ungehoben. Lange Zeit nachher wurde in einer Adventsnacht, man weiß nicht von wem, eine der Kisten gewonnen.

Zwei Buben, welche bei Tag auf dem Berg ein Steinblättchen aufhoben, sahen darunter viel kleine, weiße Perlen liegen. Ohne davon zu nehmen, eilten sie nach Haus und erzählten es ihrer Mutter, von der sie gleich wieder fortgeschickt wurden, um die Perlen zu holen. Bei ihrer Hinkunft war aber keine einzige mehr vorhanden.

Ebenfalls bei Tag sah ein kleines Mädchen auf dem Berg einen dreifüßigen Kupferhafen stehen, der funkelneu und voll wimmelnder Roßkäfer war. Sie sagte dies gleich darauf ihren Eltern, die wohl merkten, daß die Käfer ein Schatz seien und daher mit ihr auf den Berg eilten, allein weder den Hafen noch die Käfer mehr fanden.

Ein Mann, welcher da, wo das Schloß gestanden, sein Gabholz fällte, hörte mehrmals aus dem Boden rufen: Hau dich nicht! und übertrug deßwegen am andern Tag die Arbeit einem Taglöhner. Hierüber verspottete ihn ein Dritter, der auch dort sein Loosholz machte, hieb sich aber unversehens so tief in den Fuß, daß ihm das Lachen auf lange Zeit verging.

Auf demselben Platz sah ein anderer Mann im Boden eine Spalte entstehen, woraus ein so starker und köstlicher Weingeruch drang, daß der Mann, welcher ihn begierig einsog, dadurch ganz betäubt wurde und einschlief. Als er nach einiger Zeit erwachte, war die Spalte verschwunden.

Gleich darunter am Graben sind schon von den Schweinen eiserne Faßreife herausgewühlt worden.

Um elf Uhr in der Christnacht hörte einst der vorige Waldhüter, als er das Gehölz des Bergs durchstreifte, vom Gipfel ein schweres Gerassel herabkommen. Mit gespanntem Gewehr setzte er sich nieder und erwartete das Getös, welches immer näher und endlich hart über und an ihm vorbeikam, ohne daß er etwas zu sehen oder zu fühlen vermochte.

Bei der Burg zeigt sich mittags zwischen elf und zwölf auf einem Schimmel ein weißer Reiter, der seinen Kopf unterm Arm trägt; ebendaselbst lassen sich ein himmelblauer Mann und ein gespenstiger Hund sehen; eine helle Flamme schwebt zuweilen in der Nacht den Berg hinauf, und öfters wird dort nach den Leuten von unsichtbaren Händen mit Steinen geworfen.

 


 

Quelle: Bernhard Baader: Volkssagen aus dem Lande Baden und den angrenzenden Gegenden. Band 1, Karlsruhe 1851, S. 209-213 (aus www.zeno.org)

 

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